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Polenreise 2004 der
SY „SCORPJON“

                                
2. Teil

Wladislawowo ist ein riesiger Fischereihafen voll mit Hunderten alter Fischkutter, die einem ungewissen Schicksal entgegen­dämmern. Eine Ecke im Hafen ist für Yachten abgeteilt, wie immer moderne Schwimmstege mit Wasser und Strom.

Die "NUFFA" vor Polens Küste

Am Hafenkai sehen wir ein großes Zelt, es ist gerammelt voll von Fisch essenden Leuten. Hier muss es gut sein! Wir packen eine Flasche Riesling ein und genießen den geräucherten Heilbutt mit Pommes. Da wir auch zwei Flaschen Wasser bestellen, schert sich niemand um unser mitgebrachtes Getränk.

Nach Danzig ist es nicht mehr weit, und so legen wir einen Hafentag ein, zumal es jetzt regnet und Wladislawowo unglaubliche Duschen hat. Wie in jedem Hafen besuchen wir ein Internet Café und rufen unsere e-mails ab. Auch hier ist Jahrmarkt, die Geschäfte sind voll, die Wirtschaft brummt. Wir fahren im Riesenrad einmal rund, aber irgendwie traue ich den rostigen Schrauben, die die ältliche Konstruktion zu­sammen­halten, nicht ganz. Ich bin froh, als ich wieder heil auf der Erde stehe.

Bei West 4-5 geht’s weiter nach DANZIG. Als wir um die Halbinsel Hela herum sind, kriegen wir bei Vollzeug einige Drücker ab, Einhandsegler Elmar zeigt uns, wie man mit einer alten Rassy 31 Monsun Höhe laufen kann. Unsere Seerelingsfüße sind unter Wasser, und wenn man im Salon aus dem Fenster guckt, kann man unter Wasser sehen.

Bei der Einfahrt klarieren wir wie üblich per Funk ein, den Rest der Strecke laufen wir unter Maschine. Um 14.30 Uhr am 30. Juni sind wir nach 476 sm fest in der Danziger Marina. Die Marina hat 80 Boxen, nur etwa 10 sind belegt. Wasser und Strom an der Box, ständig patrouillieren drei Polizisten an Land, und der Hafenmeister ist den ganzen Tag da. Das Leben quirlt. Direkt am Liegeplatz ein kleines Zeltrestaurant, außerdem liegen wir völlig ruhig gegenüber der Innenstadt, die über eine Fähre (1 Zloty = 25 Cent) erreichbar ist. Zu Fuß ca. 500 Meter zu Bäcker, Schlachter, Geldwechsel usw. Danzig, wir kommen!

"NUFFA" und "SCORPJON" vor dem
Krantor in Danzig

Am nächsten Morgen läutet schon in aller Herrgottsfrühe das Handy: Mitseglerin Astrid ist per Bus aus Hamburg eingetroffen, steht auf dem Steg, weckt uns und holt gleich Brötchen. Für 49 Euro ist sie im modernen Reise-bus direkt von Hamburg gekommen, abends los, morgens da. Sie ist äußerst unter-nehmungslustig, sie will in Danzig alles, aber auch wirklich alles sehen.

Wir fangen mit dem Historischen Museum an, weiter geht’s auf den Turm der  Marienkirche (irre Aussicht), in das Kranentor und in das Boots- Museum. Die Fußgängerzone in der Dluga Targ lässt uns angesichts der unglaublich prunkvollen Fassaden schwin-delig werden- ein unglaublicher Reichtum, herrlich restauriert. Abends in einen Jazzkeller. Kein Eintritt, Bier gibt es in 0,5 Liter Plastikbechern, wie in Polen üblich für 9 Zloty (ca. 2,30 Euro) der Becher. Tolle Stimmung, wie in den meisten Discos ein totaler Frauenüberschuss, Mädchen tanzen mit Mädchen. Überwiegend sehr hübsch, uns fällt auf, dass die polnischen Mädchen auch auf der Straße sehr „aufgebrezelt“ sind, gepflegt und geschminkt, außerdem nach der neuesten Mode gekleidet. Slawischer Typ, nicht besonders groß, aber Wespentaille und oben herum mehr als üppig. Wir entdecken mehrere Institute für Plastische Chirurgie in der Stadt, die am häufigsten ausgeführten Schönheitsoperationen sollen angeblich Brustverkleinerungen sein. Gibt es denn gar keine Frauen, die mit ihrer Figur zufrieden sind?

Ausflug nach Gdingen

Jetzt wissen wir auch, wieso uns die Polen immer sofort auf Deutsch ansprechen: Astrid sieht mit ihrer Körpergröße von 1,90 m so gar nicht polnisch aus, und ich auch nicht. Die polnischen Männer haben lt. Astrid eine massige Figur, tragen Schlabber-hosen und weite Pullover, dazu Glatze oder 5 mm Schnitt. Military -Look oder schwarz total ist angesagt.

Am nächsten Tag geht es per Dampfer zur WESTERPLATTE. Die Westerplatte ist auch heute noch ein riesiges Militär-Areal, hier begann mit der Beschießung durch die Schleswig- Holstein der 2. Weltkrieg. Ein riesiges Denkmal im sowjetischen Blut und Boden Stil wurde von uns beim Vorbeimotoren schon durch Dippen der Flagge gegrüßt. Am nächsten Morgen trifft der nächste Geschwaderfahrer in Danzig ein: Es ist Dr. Nöhring vom WSG mit seiner Cayenne Vivace. Nun sind vier Geschwaderfahrer am Ziel: Elmar Mnich mit der Skorpjon, Fritz Schmale mit der Bonnie, Dr. Nöhring mit seiner Vivace und ich mit der Nuffa. Später hören wir, dass Herr Muth mit seiner Lysholm noch über Stettin und Swinemünde bis Ustka gekommen ist, dann wurde ihm die Zeit zu knapp. Ähnlich ging es Klubkamerad Wolfgang Strüven, seine Bordfrau Birgit musste zurück ins Berufsleben. Auch die restlichen Geschwaderfahrer hatten nicht so viel Zeit oder fürchteten, gegen den evtl. Westwind nur schwer zurück zu kommen. Mitsegler Roger muss zurück in die Arbeitswelt und fährt per Bus zurück nach Hamburg.

Am nächsten Tag ging’s nach ZOPPOT. Eine riesige Seebrücke, ein zauberhafter Stadtkern. Wir entdecken ein Erotic-Museum, Astrid schleift mich mit. Elmar sowie die Besatzung der Bonnie trauen sich (noch) nicht. Zoppot ist voll von Urlaubern, mit Mühe ergattern wir einen Platz in einem Restaurant draußen unter einem riesigen Sonnenschirm.

Im Seebad Zoppot

Abends natürlich wieder in ein Musik-Restaurant, wir gehen in den Cotton Club. Am nächsten Tag steigert Astrid das Tempo, wir besichtigen zuerst den berühmten Artushof, dann das Nationalmuseum (besonders sehens-wert das Jüngste Gericht), dann ins Centralmuseum. Dann ins Orgelkonzert in Oliwa. Oliwa ist ein Stadtteil von Danzig, mit einer scheppernden Straßenbahn zu erreichen (ein Muss!). Ich hatte klassische Orgelmusik erwartet (Toccaten und Fugen von Bach), leider gab es sehr moderne Musik. Trotzdem, die Kathedrale war gerammelt voll, nach einer Stunde akustischen Leidens verzogen wir uns unauffällig. Wieder an Bord gab’s diesmal Astrids Lieblingsgericht (sie wollte unbedingt kochen), Pfifferlinge mit Speck, dazu leckere Filets. Abends wollten wir es noch mal richtig krachen lassen, also ab ins „Karta Ewan“ in der Tkacka 27, ein  gehobenes Striplokal. 10 Zloty Eintritt, ein halber Liter Bier für 9 Zloty. Für Freunde gehobener Weiblichkeit gibt’s ein Separée, in denen die überwiegend russischen Animierdamen etwas mehr bieten.

Am nächsten Tag das nächste Museum, das Danziger Schiffsmuseum. (Wie viele Schiffsmuseen gibt’s eigentlich in Danzig?) Abends dann noch mal nach Oliwa. Was wir vorher nicht wussten: Oliwa ist nicht nur das Kirchen- und Klosterviertel Danzigs, sondern auch die Vergnügungsmeile. Wir checken sämtliche Clubs durch, in einige darf Astrid nicht mit hinein, sie muss draußen warten. Per Eisenbahn geht’s zurück zum Danziger Hauptbahnhof, unterwegs werden unsere Fahrkarten von einem hünenhaften Kontrolleur einer Prüfung unterzogen, von dem möchten wir nicht ohne Fahrschein erwischt werden! Am nächsten Tag  trifft Mitsegler Ralf ein. Das Wetter hält sich immer noch, jeden Tag Sonne, während es in Kappeln Bindfäden regnet, haben wir nahezu täglich 30 Grad unter Deck. Zwar gibt es ab und zu einen kurzen Schauer, aber dann wieder Hitze.

Hier im Keller die Disko PARLAMENT

Abends geht’s ins „Parlament“, eine von außen unscheinbare, riesige Disco. Auf mehreren Ebenen, ca. 800 Plätze, hier ist die Hölle los.

Am nächsten Tag besichtigen wir den Dampfer Soldek, der direkt neben unserer Marina liegt. Sehr ein-drucksvoll, zumal es an Bord eine Kunstausstellung gibt. Dann steigt das Barometer. Dr. Nöhring läuft mit seiner Vivace Richtung Arnis aus, sollen wir auch auslaufen? Elmar und Ralf fahren per Bahn nach Zoppot und statten dem Erotic-Museum einen Besuch ab. Am nächsten Tag hält mich aber nichts mehr, in aller Herrgottsfrühe laufen wir aus, schließlich bin ich jetzt 15 Tage in Danzig- das muß reichen. Als wir  gegen 9.20 Uhr in HEL ein­laufen, kommt uns Dr. Nöhring schon entgegen, allerdings kann er mit seiner Cayenne, einer schmalen Rennmaschine, auch dem Teufel ein Ohr absegeln. Wie bleiben erst mal in Hel. Hel liegt am Ende der endlos langen Halbinsel Hela und ist voll von Touristen. Denen wird auch wirklich was geboten, Ausstellungen, Museen, ein Jahrmarkt mit zahlreichen Ständen, Seehunde, ein herrlicher Badestrand. Der nächste Hafen ist wieder LEBA, da waren wir schon, aber als wir aus Leba auslaufen in Richtung DARLOWO, sehen wir eine etwas breitere Flussmündung. Irgendwo weiter  landeinwärts liegt ROWY, leider keine Information zu Fluss und Ort in der Seekarte und im Hafenführer. Sollen wir es wagen? Warum nicht! Bei Schwert und Ruder hoch hat die Nuffa nur 70 cm Tiefgang, und soviel sollte der Fluss eigentlich haben. Verdächtig ist allerdings, dass an der Mündung keine Angler zu sehen sind. Egal, Attacke! Ich wähle die Steuerbordseite des Fahrwassers und laufe prompt auf, komme aber wieder frei, und nach ca. 1 Meile Flussfahrt kommen wir in einem entzückenden Städtchen an. Wir sind die Sensation des Ortes, noch nie hat man hier eine 12 Meter Segelyacht gesehen... Es gibt keinen Hafenmeister, und es gelingt mir nicht, irgendwo Hafengeld loszuwerden. Dafür gibt es wieder geräucherten Lachs bis zum Abwinken, Lachs scheint das Brathähnchen Polens zu sein...

Am nächsten Tag dann der sehnlichst erwartete Südostwind. Super segeln! Das Log zeigt 8,4 kn an. Leider steht der Wind nicht durch, die letzten acht Meilen muss der eiserne Spinnaker wieder ran. In DARLOWO passieren wir eine Fußgängerbrücke und machen dann direkt vor einem kleinen Häuschen für Segler fest. Das Wort Waschhaus wäre zu profan für diesen Bau, gibt es doch hier nicht nur Toiletten und Duschen, sondern auch einen Aufenthaltsraum mit Spülbecken, Bett und Schreibtisch.

Im Ort brummt das Geschäft, wie in jedem polnischen Ostseehafen gibt es eine Hanse-Kogge, die mehrfach täglich ausläuft, außerdem einen Jahrmarkt. Darlowo ist wirklich zu empfehlen, für Boote Platz ohne Ende, man kann längsseits liegen, oder weiter im Fischerhafen. Den nächsten Hafen, Kolberg, kennen wir schon von der Hinfahrt, aber dann geht’s diesmal in Dziwnow nicht zu Lolo in die Marina (leider sind wir spät dran und der kleine Hafen ist voll), sondern in den Fischerhafen. Hier zahle ich beim geschniegelten Hafen­meister (schwarze elegante Hose, blütenweißes Hemd, schwarzer Schlips, Epauletten sowie goldene Dienstgradabzeichen - Willi würde neidisch werden!) nur 9 Zloty (ca. 2,30 Euro) Hafengeld. Das Besondere: Wie immer inklusive Strom und Wasser, aber Darlowo hat das unglaublichste Waschhaus: Neueste geschmackvolle Objekte in einem nagelneuen Häuschen. Ohne Duschmünzen, alles frei. Im nächsten Hafen Swinemünde erkläre ich die Polenfahrt erst mal für beendet,  Ralf und ich leeren das von zu Hause zu diesem Zweck mitgebrachte 5 Liter Fässchen War­steiner.

Als wir uns am nächsten Tag bei der am Kai gelegenen Dienststelle zum kurzen Ausklarieren melden, interessiert sich eine hübsche Polin im Kampfanzug mit umgeschnallter Pistole für meinen Bordstempel der Nuffa. Sie zückt ihr privates Notizbuch, und ich muss den Stempel zweimal hineindrücken.

In Ückermünde der letzte Crewwechsel, Ralf geht und Marlies kommt. Wir genießen die herrlichen Bodden-Gewässer, Zeit haben wir noch, warum nicht über Dänemark zurück? Also geht’s von Burgstaaken erst mal nach Marstal, Ärösköbing und Söby. Auf der Strecke von Söby nach Kappeln kriegen wir noch einmal richtigen Wind ab. Das mag Marlies gar nicht, weit liegt die Nuffa über, aber ich habe nach zwei Stunden ein Einsehen und werfe die Maschine an. Als wir wieder in der ASC Box liegen, haben wir fast genau 1.000 Seemeilen auf dem Log- hört sich viel an, war aber nicht schlimm. Hat Spaß gemacht. Polen war eine Reise wert.

Hier noch einige Tipps:
Als nautische Unterlage stand der BSH Kartensatz D 3021 sowie der Sejleren Hafenführer, der überall kostenlos ausliegt, zur Verfügung. Für evtl. Kaliningrad noch der Kartensatz D 3022. Die meisten der sonstigen angeblich erforderlichen Unterlagen für Polen braucht man gar nicht. Kein Mensch wollte eine Bescheinigung der Bootsversicherung sehen, den Internationalen Bootsschein nicht, und auch nicht irgendwelche Führerscheine. Ralf und Astrid reisten per Personalausweis - Reisepass braucht man nicht. Auch die  empfohlenen kleinen 5 Euro oder 1 $ Scheine waren überflüssig. Es wimmelt von Wechselstuben (Kantor), der Kurs ist fast überall gleich und fair.

In Polen funktionieren die bei uns üblichen Handys, aber telefonieren damit kostet richtig Geld. Wir haben uns daher am Kiosk  polnische Telefonkarten für die gelben Telefone gekauft, die überall an Hauswänden montiert sind. Steckt man die Karte ein, hat man die Wahl, ob man telefonieren will, eine SMS schicken oder eine E-Mail senden möchte. Von einem öffentlichen Kartentelefon! Da könnte sich unsere Telekom manche Anregung holen. Das Telefonieren per Karte ist in Polen besonders preiswert, ich schätze etwa 1/10 des Handypreises.

Ist der Törn seglerisch anspruchsvoll? Eigentlich nicht. Die Häfen liegen bis ca. 30 sm auseinander, und gegen evtl. herrschenden starken Gegenwind hilft das sog. „Morgenhüpfen“: Da der Wind nachts oft einschläft und zumeist erst gegen 10.00 Uhr aufbrist, läuft man beim Hellwerden aus und ist dann lange vor Mittag im nächsten Hafen, wo man sich dann den besten Platz aussuchen kann. Ebenso das „Abendhüpfen“: Bis nach 22 Uhr ist es hell, also gegen 17 Uhr auslaufen bei abflauendem Wind. Rest motoren.

Sicherheit: Nie hatte ich das Gefühl der Unsicherheit. Allerdings schließe ich das Boot wie in Deutschland oder Dänemark beim Verlassen immer ab.

Ob ich den Törn noch mal mache? Auf jeden Fall, aber erst mal nicht, denn auf der Rückfahrt luchste mir ein anderer Skipper alle Seekarten und Handbücher für 50 Euro ab. Vielleicht in 2 bis 3 Jahren noch mal!

Ludwig Michelsen „SY NUFFA“  ASC

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