Die Sommerreise der
"ENKELSTERTEN"
die 2002 bis zu den Lofoten führte.Der Reisebericht setzt sich aus
einem kurzen Vorwort sowie Briefen von Bord und einigen, nicht chronologisch
eingestreuten Fotos zusammen.
Sommer 2002, Lofoten
Das Buch "Die Lofotfischer" schenkte mir mein Vater. als ich noch ein
Backfisch (heute zu deutsch Teenager) war. Es ist der autobiografische Roman
des norwegischen Dichters Johan Bojer. Er beschreibt seine harte und
gefahrvolle Jugend und den Kampf der Lofotfischer mit tückischen Polarwinden
und stürmischer See. wenn sie alljährlich im Winter aus allen Winkeln der
Küste nach Norden ziehen. Sie segelten und ruderten in offenen Holzbooten,
echte Nachfolger der Wickingerschiffe mit sechs bis zehn Mann Besatzung. zum
Kabeljaufang zu den Lofoten, den "einsamen" Felseninseln im Nordmeer. Das
Buch hat mich stark beeindruckt.
Lofoten, grau, nass, kalt, stürmisch und unwirtlich, aber geheimnisvoll und
schön; für mich unerreichbar, so meine Vorstellung damals mit siebzehn.
Stimmte alles nicht.
Auf die Frage meines Skippers, wo sollen wir denn nächsten Sommer mal hin
segeln? Antwortete ich, ohne zu überlegen: "Lofoten"
Schweigen langer Blick (aber ich glaubte ein Leuchten im Augenwinkel zu
sehen) Du bist ja verrückt,
--- hm warum eigentlich nicht? Weißt Du
überhaupt, wie weit das ist? Nein, mal auf die Karte gucken, wir können ja
jederzeit umkehren. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wir haben es keine Sekunde bereut, im Gegenteil: Wir freuen uns jeden Tag,
dieses Ziel hartnäckig, ohne zu bummeln, verfolgt und erreicht zu haben.
101 Tage dauerte die Reise. Davon 27 Hafentage wegen Sturm, Starkwind, zu
hohem Seegang, Schiffsreparaturen, Crewreparatur (Hexenschuß),
Besichtigungen und zwei mal Wäsche waschen. Bleiben 74 Tage für knapp 3.000
zurückgelegte Seemeilen also 40 sm pro Tag im Schnitt.
Das ist gut zu machen, trotz ausschlafen und ordentlichem Frühstück. die
Abende und Nächte sind hell und lang. Die gnadenlos schöne
abwechslungsreiche Kulisse rundum macht einen vom vielen Schauen optisch
trunken, oft tun die Augen abends weh und man ist rechtschaffen müde aber
eine warme Malzeit muss sein und die gründliche Kartenarbeit für den
nächsten Tag ist unerlässlich. Man ist abends schon voll Neugier auf den
neuen Tag und morgens ungeduldig, die Leinen loszuschmeißen.
Ca. 80 Häfen oder Ankerplätze haben wir angelaufen. jeder Tag voller neuer
Erlebnisse, Abenteuer und Überraschungen. Die ersten 3 - 4 Wochen war
überwiegend schlechtes, kaltes, nasses Wetter. Jemand hatte uns gesagt,
Nordnorwegen habe im Sommer besseres und beständigeres Wetter als der Süden.
Bis Bergen kannten wir den Weg. ab da wurde es immer spannender und das
Wetter besser. Ab dem Polarkreis auf 66°33 hatten wir fast nur noch Sonne
und mäßigen Wind.

Brief an Enkelin Jana (von Bord der Enkelsterten) Kattegat.
13. Juni 2002
Liebe Jana,
gern hätte ich heute ein bisschen mit Dir am Telefon geschnackt. Aber von
Dänemark ist das schlecht, weil die Telefonkarte so schnell alle wird und
ich Deine Mammi noch anrufen muss, wegen meiner neuen Brille. Sicher hat
Mammi Dir erzählt, was Omi-Schlei für einen Mist gebaut hat. Das eine große
Welle in Schleimünde beim Baden von hinten über mir zusammengeschlagen ist
und als ich aus dem Wasser kam war die Brille weg. Ohne bin ich fast so
blind wie ein Maulwurf. (das ist etwas übertrieben). Gestern war ein ganz
toller Regenbogen am Himmel. Ich hab versucht, für Dich ein Foto zu machen.
Mal abwarten, ob es was geworden ist. Du hast so schöne Regenbogen gemalt.

Ein Bild von Dir mit Schiff. Regenbogen. Omi-Schlei (Ostsee) am Ruder und Du
und Lasse, jeder aus einem Bullauge guckend, hängt bei mir in der Koje.
Dazu ein Bild von Euch dreien in der Badewanne und ein kleiner Gummiwal von
Tante Moni als Talisman - Glücksbringer. Opi sagte öfter, wenn es so kalt
war: jetzt in die heiße Badewanne. Ich dachte immer, was redet der hier
immer von Badewanne an Bord; bis ich dahinter kam, er meinte zu Euch drei
Kindern in die Wanne. Das kann ich mir gut vorstellen. Ob die dann wohl
überläuft?
Das Gewitter zu dem Regenbogen, den ich für Dich fotografiert habe. kam
gerade über uns, als wir in den sicheren Hafen einfuhren. Sonst erwischt es
uns regelmäßig kurz vor dem Hafen oder beim Festmachen, so dass wir immer
richtig nass werden. Diesmal konnten wir grad noch alle Leinen festmachen,
Luks und Schott dicht und dann fing es so richtig an zu prasseln, von Hagel
und Regen. Ein herrliches Gefühl, wenn man dann sicher und trocken unter
Deck sitzt. Lass Dir von Mammi auf Deinem Länder-Puzzle mal zeigen, wo
Dänemark und Norwegen sind.
Nun ganz liebe Grüße an Dich, meinen Freund Lasse und den kleinen Arne.
(macht er schon Anstalten zu laufen?)
Deine Omi-Schlei
P.S. lat. post skriptum: deutsch, nach dem Schreiben. Opi schnarcht schon
in seiner Koje. War ein langer Tag.
Brief an Jan
(von Bord der Enkelsterten)
The same procedure
Lieber Jan,
der 18. Juli rückt bedenklich näher und der schon obligatorische Brief wird
fällig. Wo immer Du an Deinem Geburtstag bist (München, Hannover, Kiel oder
gar Bulgarien?) unsere Glückwünsche kommen dieses Jahr aus Kristiansund oder
besser Mittelnorwegen. Bis hier sind wir bis jetzt gekommen, nicht weit
genug, wenn man den verbleibenden Weg zu den Lofoten und die verbleibende
Zeit bedenkt.
Das Wetter war uns in den vergangenen Wochen auf diesem Törn nicht hold. Es
fing schon in Missunde an. Nachdem wir alles gut vorbereitet hatten (auch
Pappis Zahn rausoperiert war, weil er Schwierigkeiten zu machen drohte) und
starten wollten, war auf der Ostsee 7-8 Bft aus Ost. Was soll man da in
Schleimünde im Schwell liegen, also eingeweht in Missunde. Hast Du schon mal
so was Blödes gehört?
Später auf der Ostsee nur kalt (Ölzeug, Gummistiefel. Mütze, Handschuhe) und
Schauerböen. Im Limfjord Starkwind, Strom und Wehen immer gegenan. der hier
übliche, kurze steile Seegang. Wir haben beschlossen, den Limfjord nur noch
von West nach Ost zu befahren. In Thyhoroen warten wir zwei Tage auf weniger
Wind und Seegang. 23.00 Uhr nach gutem Wetterbericht los. Die Nacht auf dem
Skagerrak war alles andere als schön, Zu viel und hohe alte Dünung. der Wind
ging weg und wir mussten die Maschine anschmeißen und da durchtoben. Ich
wurde natürlich heftig seekrank, beide waren wir hundemüde und kalt.
Als die Sonne über den Horizont kam und etwas wärmte, ging es besser. Der
Seegang wurde gleichmäßiger und wir konnten wiede1 Segel setzen.
Dann begleitete uns ein Vogel, flüchtig gesehen eine große Möwe, aber so
herrlich haben wir noch nie eine Möwe fliegen sehen. Der Vogel segelte wie
ein Segelflugzeug, fast ohne Flügelschlag, leicht und elegant im Gleitflug
um uns herum, auf uns zu, die Wellentäler runter. dass er dem Blick
entschwand und wieder hoch, mit den Flügelspitzen fast die Wellenkämme
berührend. Lange hatten wir Zeit, die Schönheit und Perfektion dieses Fluges
zu beobachten. Es waren sicher immer mal verschiedene Vögel. Ich behauptete
fest, dass kann nur ein "Sturmvogel" sein. Keine Ahnung, nie einen gesehen,
aber laut Kosmos-Vogelführer hatte ich recht.
Solche Extra-Einlagen auf See oder unterwegs, finde ich immer toll, ständig
gibt es irgendwelche Überraschungen.
Tümmler tauchen auf (immer noch und immer wieder eine Sensation). Seehunde
lassen sich sehen, Basstölpel gleiten an uns vorbei, (auch solche
Flugkünstler) und plötzlich - in einem Fjord - rund um uns herum, die ersten
Papageientaucher unseres Lebens. Das sind vielleicht witzige, kleine
Tollpatsche. Gestern beobachteten wir einen Seeadler, der in den
Außenschären heftig von Möwen attackiert und verfolgt wurde.
Zurück zum Skagerrak. Als alles wieder gut lief, beschlossen wir, uns Kap
Lindesnes (wir konnten es im Dunst liegen sehen) mit seinem Hack zu
ersparen.
Ebenso, wenn möglich, Lista, auch so eine unangenehme Ecke. Nach ca. 120 sm
offener See landeten wir in Kirkehamn. Dieser ursprünglich alte Fischerhafen
mit der hübschen weißen Holzkirche auf dem Felsenvorsprung über dem Wasser,
den großen, dunklen Grabsteinen davor, die mahnend aufs Meer hinausschauen
und auch von den Heimkommenden von weit draußen gesehen werden, hatte immer
etwas Mystisches für mich, wie eine alte Kultstätte. Alles futsch !
Ausgerechnet hier hat sich ein Club für Wasserbikefans oder Wassermopeds
etabliert. Grauenhaft ! Es wurde gerade ein Rennen für den nächsten Tag
vorbereitet. Der Lärm verstärkte sich durch das Echo an den engen Felsen
mehrfach.
Wir wurden gleich morgens davon geweckt, mussten aber bleiben, um unseren
Sailtainer zu reparieren, der in der Nacht zuvor in der Dünung Schaden
erlitten hatte. Das war Kirkehamn. Du erinnerst Dich sicher gut, hast Du
doch hier den größten Fisch Deines Lebens gefangen. Der Butt, der in keine
Pfanne passte.
Der nächste Abschnitt war Egersund. wo das Mitsommerfest der Norweger total
verregnete und kein Feuer brennen wollte. Wir konnten wegen Starkwind nicht
weiter, lagen aber in einer Traumbucht, an einem Holzanleger, wo man auch
auf Muschelsand baden konnte (12° brrr!) Schlauchboot fahren, auf Berge
steigen und Wanderungen durch die Felsenwildnis machen.
Batterie musste sehr gespart werden, Wasser wurde knapp und Frischbrot alle.
Ein Norweger, der in die Bucht kam, (Unterwasserfotograf, der ein tolles
Buch gemacht hat) ging mit Kind und Angel eben über die Felsen. Wir ruderten
derweil auf die andere Seite der Bucht - mit Kanister - zum Süßwasser holen
am Wasserfall. Als wir zurück waren, kam er auch schon mit einer großen Tüte
Fische zurück. Er schenkte uns zwei Dorsche und fuhr wieder weg.
Wie machen die Norweger das bloß, gehen eben um die Ecke und kommen gleich
mit einer Pütz voll Fisch zurück. Später kam ein anderes Motorboot mit sechs
jungen Männern. Sie wollten sich auf der anderen Seite der Bucht Fischsuppe
kochen und hatten den Topf dazu vergessen. Wir "Tyske" konnten mit einem
5-1-Topf aushelfen. Als sie ihn nach Stunden zurückbrachten, war er noch
halb voll. Was wollt ihr, sauberen Topf, ohne Suppe, oder nicht sauber, mit
Suppe? So eine gute Fischsuppe haben wir noch nie gesehen oder gegessen. Mit
heilen Muscheln, Rejer, Lachs, sonstigem Fisch, Gemüse und Dill, köstlich.
Sie brachten auch Bier (der eine arbeitete in einer Brauerei) mit und ein
ganzes frisches Weißbrot dazu. Da waren wir wieder gut versorgt. Bei
norwegischem Bier und deutschem Bommerlunder hatten wir einen netten
Klönschnack im Cockpit und haben auf norwegisch, deutsch und englisch das
Rezept zusammengestellt. Die waren gut drauf die Jungs und hatten Ahnung.
Wieder eine Nachtfahrt von Egersund nach Tananger ums Jaerensreff. 38sm
offenes Wasser, ohne Schutz oder Möglichkeit einen Hafen anzulaufen. An der
Küste liegen seit Jahren mehrere gestrandete Fischkutter und machen richtig
Mut. Ein Deutscher hatte abends von Tananger kommend in unserer Bucht
festgemacht und meinte, es sei nicht mehr so schlimm draußen.
Wieder 23.00 Uhr los, es regnete, war saukalt und die alte Dünung noch sehr
unangenehm gegenan. Das Gute ist, die Nächte werden ja kaum dunkel und auf
diesen Strecken muss man den wenigen Wind nutzen, ob Tag oder Nacht oder
Regen. Wir haben ja schon früher festgestellt, dass viele Norweger nachts
fahren, weil es da oft schwachwindig ist. Dann war noch die "Sletta" zu
queren. Ein kleines Stück hinter Haugesund, knapp 10 sm, wo schon jeder
Norwegenfahrer mal eins auf die Mütze bekommen hat. Wir auch letztes mal und
einmal mit Tronje.
Übrigens stellten wir gerade fest, dass dies unser zehnter Norwegentörn ist.
Diesmal hatten wir Glück, kein Seegang, leichte Briese, Sonne und nicht mal
einen kleinen Schauer. Die schwarze Wolkenwand blieb immer hinter uns. Von
nun an innere Fahrwasser bis Bergen und weiter. Keine besonderen
Vorkommnisse außer "Alpenglühen" in den Fjorden von der Mitternachtssonne
dunkelrot gefärbte Felsen. Ein fauler Seehund, der uns ganz nah vorbeifahren
ließ, Regen, Regen und noch mal Regen, genauso viele Wasserfälle und
Schneefelder in der Ferne.

Na und dann die Story mit dem ausrangierten Dampfer. an dem wir festgemacht
harten, weil es Nacht wurde, 24.00 Uhr und kein Hafen in der Nähe. Die erste
Katamaran-Schnellfähre, die durch den Fjord kam, machte solchen Schwall,
dass wir furchtbar zur Kehr gingen. Die Fender wurden weggequetscht. eine
Relingstütze abgebrochen, eine verbogen und die breite Eisenscheuerleiste
des Dampfers zermalmte unser Schanzbord. Ich stand barfuss im Nachthemd an
der Reling, aber abzuhalten gab es da nichts. Papi sagte nur: Pass auf deine
Füße auf! Nie wieder festmachen 5 sm im Umkreis einer Schnellfähre! Während
der Katastrophe an Deck ergoss sich unten still und heimlich eine Flasche,
nein eine halbe Flasche 1975er Trockenbeerenauslese, ein Geschenk von Udal
an mich für den Törn, in die Polster. So ein Verlust!
Inzwischen haben wir "Stadlandet" umrundet, der westlichste Punkt Norwegens
und der gefährlichste. Ein Glück, uns hat vorher keiner alles so was erzählt
- nein, da sind ja immer nur "innere Schärenwege".
Hier prallen Atlantikwellen aus 600 m Tiefe auf 200 m Festlandsockel, dann
50 m und auch 6 m und dann gegen die steilen Felswände. Hier bilden sich
unglaubliche Seen. Wir haben es selbst gesehen, bei ganz leichter langer
Dünung und ruhigem Wetter. wie sich am Horizont graue Wasserberge auftürmen
und sich dann überschlagen mit weißer Gischt. Sieht sehr bedrohlich aus. Es
sind nur 10-15 sm um die Ecke, wir waren aber erleichtert, als wir es hinter
uns hatten. Man erwägt, hier einen Kanal zu bauen, weil auch größere
Fischereifahrzeuge gesunken oder verschollen sind. Der Rettungskreuzer macht
wöchentlich eine Begleitfahrt für kleinere Boote, also Segler und
Motorboote, die nach Norden wollen. Vor Kristiansund kommt noch so ein Stück
und ich glaube, das war nicht das letzte.
Aalesund, eine sehr schöne Stadt, 1904 nach einem Großbrand, der über 800
Holzhäuser vernichtete, ist einheitlich im Jugendstil wieder aufgebaut. Viel
Hilfe vom deutschen Kaiser, der auch Norwegenfan war. Das Beste, fand ich,
waren die Dreizehenmöwen. Nachdem die Stadtväter ihren Brutfelsen gesprengt
hatten, um ein neues Rathaus zu bauen, nisteten sie auf den Resten ihres
Felsens - mitten im Verkehr. Als auch der Felsen gesprengt wurde, bezogen
sie die alten Häuser am Hafen. Auf der einen Fensterbank fünf Möwennester,
auf der anderen vier, man könnte beim Vorbeisegeln hineinfassen. Dachgiebel,
Dachrinnen, Mauervorsprünge, Jugendstildekorationen, überall sitzen die
kleinen niedliche Möwen auf einem kleinen runden Nest und bewachen ein oder
zwei Küken. Die ganze Kolonie beherrscht den Hafen und macht ein
Mordsgeschrei. Hier in Kristiansund ist die Brutschäre keine 10 m neben
unserem Schiff. Ich kann bei dem Geräusch gut schlafen. Sie haben wirklich
nur drei Zehen und schwarze Füße.
Das berüchtigte Seestück vor Kristiansund heißt "Hustadvika". Auch hier
macht der Rettungskreuzer Begleitfahrten. Man hat die Wahl zwischen ganz
außen rum, wo der Seegang verrückt spielt. oder ganz innen, durch Tausende
von Schären. Inselchen, Untiefen und Seezeichen. Wir entscheiden uns für
innen. Bei ruhigem Wetter und guter Sicht ging das prima, erforderte sehr
viel Aufmerksamkeit, war sehr spannend und machte richtig Spaß.
"Uthaug" nördlich des Weges nach Trondheim. ein Fischereihafen ohne jeden
Tourismus. Wir sind das einzige Gast- und Segelschiff am Schwimmsteg. Der
Tidenhub beträgt hier schon 2,20 m. Die Fischerhäuser stehen auf hohen
Pfahlstelzen. Der Hafen fällt zu einem großen Teil trocken, also grüne
Blasentangflächen und große Steine, die aussehen. als hätten sie Perücken
auf Das Land ist hier teilweise ganz flach, viele große Bauernhöfe und bunte
gemütliche Kühe am Hafen.
Zum ersten Mal konnten wir die Sonne im Meer untergehen sehen, um
23.30 Uhr. Sie lässt sich dabei sehr viel Zeit und veranstaltete ein
phantastisches Farbenspiel, indem sie die Wolkenbänke und -streifen von
unten beschien. Noch jetzt um 1.30 Uhr ist der Himmel im Norden glutrot.
Gleich wird es wieder Tag.
Damit möchte ich schließen. Der Bericht-Brief ist schon wieder viel zu lang
geworden, weil es ja leichter ist. einen langen Brief zu schreiben, als
einen kurzen. Norwegen ist mit seiner wilden Natur unglaublich schön und
jede Mühe und Meile wert.
Gute Nacht und liebe Grüße
Mammi
P.S. Guten Morgen! Heute ist Sonntag - Blauer Himmel. strahlende Sonne,
spiegelblankes Wasser, eine Lerche (unglaublich) singt in der Nähe.
Frühstück mit Ei draußen im T-Shirt. So was gab es bisher nicht.
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Norwegische Fischsuppe
Zwiebeln, Mohrrüben, Porree und Pilze in Olivenöl anbraten, dazu getrocknete
Tomaten in Öl, (gehackt), Chilischoten. In 1 Liter Wasser 20 Min. kochen,
dann Lachs, Steinbutt, Seehase, Dorsch u. Muscheln hinzufügen und 10 Min.
mitkochen lassen 1Liter Sahne dazugeben, 250 g Butter, Rejer, Dill, Salz und
Pfeffer.
Ein gutes Rezept für Vollschlanke !
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Villa, 15.Juli
Villa. die Insel mit dem ältesten Leuchtturm Norwegens. Von weit draußen
sehen wir das merkwürdige dicke Gebäude und halten es lange für etwas
Militärisches. Es wird Abend. Wind und Seegang sind ruppig geworden ich habe
keine Lust mehr, ein Hafen ist aber noch weit. Da zieht Hannes mal wieder
ein Ass aus dem Ärmel. Östlich von Villa liegt Villasund, ein kleines
geschütztes Archipel. Nicht ganz leicht anzusteuern bei dem Seegang.
Zwischen den Inseln da vorne, genaue in der Mitte durch, dann muss
steuerbord irgendwo eine Prigge kommen. Sie kommt auch, noch ein paar kleine
Schären, hart steuerbord. zwischen der Warde backbord und der kleinen Schäre
rechts hindurch und da sind wir drinnen. Wunderschön, geschützt an einem
hohen Felsen ein bequemer Schwimmsteg, an dessen Ende. wie so oft in
Norwegen, ein Kasten für das Hafengeld hängt. Hier legt man das Geld rein
nebst Zettel mit Namen, Heimathafen, Nationalität und Schiffsnamen. So
einfach ist das hier. In Norwegen wird nicht geklaut, man braucht nie
abzuschließen oder Sachen unter Deck zu bringen. Ein wunderbar sicheres und
schönes Gefühl sich auf die Ehrlichkeit der Menschen verlassen zu können.
Wie anders war das im Jahr zuvor in St. Petersburg und den Ostblockländern.
Immer die Angst. Aber wirklich geklaut wurde nicht. Obgleich es Abend wird,
mache ich mich noch auf eine Wanderung zu dem alten Leuchtturm. Ein
fantastischer Rundumblick über die Schärenwelt. auf See und zum Festland
belohnt mich. Der Leuchtturm wurde bis ins 20. Jahrhundert mit Holz und
Kohle in fünf Öfen rundum befeuert. Kein Mensch weit und breit, nur einem
Schaf mit zwei schneeweißen Lämmern begegne ich. Es hört auf zu kauen und
schaut mich erstaunt an, als wollte es sagen, hei Alte, was willst Du denn
hier?
Auch ein Hermelin kreuzt meinen Weg, macht Männchen und hält mich, nach
längerem gegenseitigen Betrachten, für ungefährlich. Es huscht über
Seerosenblätter und torfigen Schlamm zum anderen Ufer des kleinen Sees, der
durch die lange Schönwetterperiode ziemlich ausgetrocknet ist. Zweimal kommt
es noch zurück und verschwindet dann in den steil zum Meer abfallenden
Felsen. Es ist fast 23.00 Uhr als ich an Bord komme. Aber kochen und essen
kann man auch im Dunkeln, über Felsen klettern nicht.
Am nächsten Morgen ist Ebbe und auf der östlichen Seite des Archipels eine
große Fläche weißer Sandstrand trocken gefallen. Das ist etwas seltenes
hier. Ich darf also noch mal los. Eigentlich suche ich im Spülsaum des
Meeres ein geeignetes Gefäß, in das ich auf dem Rückweg die Himbeeren
sammeln kann, an denen ich vorbeikam. Was finde ich? Kein Zweifel, die große
Schwungfeder eines Adlers. Voller Freude trage ich mein tolles Souvenir an
Bord, wo es vorsichtig gewaschen, getrocknet und gebürstet wird. So etwas
tragen die Indianerhäuptlinge als Zeichen ihres Ranges. Bei uns ziert es
fortan die Messe.
Man sagt ja, es gibt Seemenschen, die immer wissen wollen, was hinter dem
Horizont ist, und Bergmenschen, die erkunden müssen, wie es hinter dem
nächsten Berg weiter geht und woher der Wasserfall kommt. Dank einer
bayerischen Urgroßmutter habe ich ganz sicher von beidem was. Hannes lässt
mich, wenn es die Zeit erlaubt (meist) freundlich gewähren, wenn er, ganz
Seemensch, nur nicht selbst laufen muss.
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Der Nordfjord 20.-21. Juli
Bei Überquerung des Polarkreises taufen Skipper und Rasmus mich auf den
Namen "Adlerwalli". Mit Adleraugen sichte ich nämlich täglich Adler und
beobachte sie mit dem Fernglas, bis sie außer Sichtweite sind. Selbst beim
Einlaufen in die Schlei - kurz vor Maasholm - fliegt einer über uns. |
Gleich nach dem Polarkreis biegen wir nach Osten ab. in den Melfjord. Ein
gutes Stück können wir noch mit Maschinenunterstützung segeln. Dann legt uns
eine Fallbö so schnell auf die Seite, dass wir die Maschine nicht
auskriegen. bevor sie selbst den Geist aufgibt. Was tun, kein Hafen in der
Nähe oder Möglichkeit irgendwo festzumachen. Wir wollen in den Nordfjord, da
ist in einer. Seemeile eine kleine Bucht zum Ankern, mit einem Stein in der
schmalen Einfahrt. Zwei Stunden brauchen wir, um in dem engen Fjord die eine
Meile aufzukreuzen. Umlaufende leichte oder keine Winde; mehrmals werden wir
durch den Ebbstrom zum Ausgangspunkt zurückgetrieben. F r u s t !
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Schließlich passt eine Bö genau und die zweite auch, um mit guter
Geschwindigkeit an dem Stein vorbei in die Einfahrt zu segeln. Jetzt sehen
wir, dass hier schon eine große ca. 25 bis 30 m lange englische,
messingfunkelnde Edelyacht liegt. Vorne an Deck gestikuliert jemand. Hannes
brüllt nur rüber: "Engine broken". Der Wind ist hier natürlich total weg,
aber die Fahrt im Schiff reicht für einen Klasse Aufschießer. Anker weg, 30
m Kette und "Enkelsterten" steht. P e r f e k t !
Alle Angst vorher umsonst, ein Bilderbuchmanöver vor den Augen der
Engländer, sozusagen mit Publikum. Der Bootsmann kommt sofort mit dem Tender
rüber und fragt höflich auf deutsch, ob er uns helfen könne. Vielen Dank,
wir müssen erst mal selbst schauen. ob wir uns helfen können. Seine Gesten
bedeuteten, dass er zwei Anker vorne liegen hat, zu jeder Seite einen. Er
fürchtete. wir kämen in sein Ankergeschirr.
Zwei Stunden quetschten und verkanteten wir uns im Maschinenraum. Es heißt
ja, man wächst mit seiner Aufgabe, aber hierbei schrumpft man damit. Als wir
fast fertig zu sein glaubten, fiel eine Schraube runter. Nein, nicht eine
Schraube, sondern "die Schraube". Wohl das einzige Teil, für das an Bord
kein Ersatz ist.
Bis zum Handgelenk und Ellenbogen fummeln wir abwechselnd im Pumpensumpf
unter der Maschine rum. Da kommt Freude auf! Alles Mögliche fördern wir zu
Tage und endlich auch "die Schraube". Maschine geht. Wir verholen weiter in
die Bucht, hinter den Engländer. Alles o.k. |
Gegen 23.00 Uhr gönne ich mir noch einen Landgang. In einem Bachbett kann
ich mit dem Schlauchboot prima landen. Hier liegt gleich ein großer runder
Findling mit einer Mulde in der Mitte obendrauf. Darin - ohne Schutz - ein
sorgfältig gebautes Vogelnest. Wer brütet wohl in so exponierter Lage? Der
Uferstreifen ist sehrschmal in solchen Buchten, der Fels steigt gleich
ziemlich steil auf. Durch dicht überwuchertes Geröll und Birkenwald klettere
ich aufwärts. Ein Birkhuhn flattert laut direkt vor mir auf. "Verdammte
Tarnfarbe", sicher hat es mich mehr erschreckt. als umgekehrt.
Das Gelände ist zu unwegsam. Eine Handvoll Erdbeeren zum Naschen, dann
versuche ich im Bachbett, das wenig Wasser führt, ein Stück weiter hoch zu
gelangen. Auch das bringt nichts, es endet an einer steilen Wand. Also
zurück, den Bachlauf runterklettern. Unten finde ich im feuchten Sand
Spuren. Ein Hund ist es nicht, eine Katze mit so großen Pfoten gibt es
nicht. Es muss also ein Luchs sein. Toll, ich fühle mich richtig auserwählt.
Welcher Westeuropäer hat schon das Glück, in Gegenden zu gelangen, wo der
Luchs zu Hause ist. Und dann ist auch noch keineswegs gesagt, dass man so
deutliche Spuren findet. Wieder an Bord berichte ich ganz stolz von meiner
Entdeckung.
Dieser Nordfjord (es gibt drei mit dem Namen) gehört zu einem Nationalpark.
der u.a. die 300 qkm Eisfläche des Svartissen-Gletschers mit umfasst. In
diesem Gebiet soll es noch Bären geben und es führt kein Weg oder Pfad zum
Fjordende. (absoluter Geheimtipp). Am nächsten Morgen gleiten wir sachte,
ca. 12sm diesen zauberhaften Fjord entlang. Es wird immer kühler, wie in
einem Kühlraum. Das machen die Eismassen des Svartissen (schwarzes Eis). die
wir aber noch nicht sehen können. Dann taucht steuerbord die erste
Gletscherzunge auf, mit dem dazugehörenden Wasserfall. Backbord leuchtet
eine zweite, von der Sonne angestrahlt und geradeaus das Fjordende mit dem
Gletschertal, dessen Eis sich aber schon weit zurückgezogen hat. Hier kann
man nirgends festmachen. Die Felsenwände sind glatt und steil, das Wasser zu
tief zum Ankern.
Um an Land zu kommen, führt Hannes das Schiff einfach an einen Seitenarm des
ziemlich wilden Gletscherbaches. Im Geröll und Sand vorne lassen wir den
Anker runter, das Echolot zeigt derweil in der Mitte des Schiffes 14 m
Tiefe. Schön gerade liegt die Enkelsterten in der Strömung, aber an Land
wird noch eine Leine um einen Felsbrocken gelegt.
Wir machen einen Erkundungsgang durch das Gerölldelta. Trockenen Fußes kann
man den Hauptbach nicht überqueren, auch eine Klettertour entlang des Baches
bis zum Eis, die mich so richtig reizen würde, ist zu weit. Die Entfernungen
täuschen sehr, weil die Luft so klar ist. Hier übernachten geht auch nicht,
ohne Heckleine bzw. -anker. Wir streunen also noch ein bisschen herum.
Hannes findet ein 50 cm langes, rosa ausgeblichenes Bein einer Riesenkrabbe.
Die Tiere kommen aus der Barentssee, haben bis zu 130 cm Durchmesser und
erobern nach und nach die Fjorde. In Bergen auf dem Fischmarkt kostet das
Kilo Monsterkrabbenbein 40 - 60 Euro.
Zwei Möwenpaare beschimpfen uns heftig. wir sind wohl zu nah an ihrem
Brutplatz. Dann pöbeln zwei Austernfischerpaare und zeigen
unmissverständlich: haut ab, das ist unser Gebiet. Sie haben ja Recht. Wir
ziehen uns an Bord zurück, trinken Kaffee und genießen noch eine Weile (die
Austernfischer haben sich beruhigt) die Einsamkeit und Stille trotz
Gletscherbachrauschen. Dann machen wir uns auf den Weg zum Hafen "Halsasundet"
in ca. 30 sm.
Brief an Meike (von Bord der Enkelsterten)
Bolga, 23. Juli 02, 23.40 Uhr
Liebe Meike,
auf diese kleine Insel, ziemlich weit draußen vor der Küste, hat es uns
verschlagen. Die Wasserpumpe ist kaputt und hier ist eine kleine, sehr
rummelige Werft, die aber keine neue Pumpe hat. Wir müssen uns also einige
Tage gedulden, bis evtl. eine neue besorgt oder die alte repariert wird. Die
Insel ist 2,5 qkm groß und der Berg 385 m hoch.
Es gibt eine Menge große Kolkraben. Das helle Wassergebiet zwischen den
Schären fällt bei Ebbe trocken. Es ist reiner heller Sand. herrlich zum
Muscheln und sonstige Schätze sammeln. Man kann trockenen Fußes von einer
Schäre zur anderen, nur aufpassen, dass nicht die Flut kommt und einem den
Rückweg abschneidet. 2,5 m Tidenhub ist schon beim Anlegen ein Problem, wenn
man keinen Platz am Schwimmsteg bekommt. Eine Telefonzelle gibt es hier
nicht, Ich durfte bei dem kleinen Kaufmann am Hafen telefonieren, er ist
auch Post, hat aber keinen Gebührenzähler, Man bekommt von Motoröl,
Gummistiefeln, Angelhaken, Kartoffeln bis zum stark alternden Kohlkopf
alles, nur keine Luxusgüter.
Am ersten Tag schenkte uns ein junger Norweger wieder einen großen Fisch
(Köhler, 3-Tagesration).
Schon beim Anlaufen des Hafens beobachteten wir den Mann mit Tochter beim
Pilken und grüßten. Als er dann später reinkam und an uns vorbeifuhr, hab
ich wohl ein bisschen neugierig geguckt, ob er was gefangen hat. Er fragte
sofort: "Will du Fisk?" - "Ja gerne." Und schon hatten wir einen großen
Fisch im Eimer. "Das reicht für Euch zwei!" sagte er und wollte kein Geld.
Hier gibt es nirgends Fisch zu kaufen. Die Norweger angeln alle selbst ihren
Bedarf. Das war wieder ein Festessen mit "Potater" und Senfsoße und heute in
Sauer mit Bratkartoffeln. Pappi hat den schon sauberen Fisch zerteilt und
wieder eine ganz dicke rote heiße Hand. Im Frühjahr hatte er doch
(vermutlich auch vom Fisch ausnehmen) eine Blutvergiftung. Das fehlte uns
jetzt noch, wir haben nicht daran gedacht. Aber es ist frisches Antibiotika
an Bord und im Notfall kommt es zum Einsatz.
Wir sehen jetzt täglich Seeadler, sie tragen ihren Beinamen "König der
Lüfte" zu Recht, herrlich majestätische Vögel, bis zu 2,30 m Spannweite.
Kürzlich saßen zwei auf einer alten Steinwarde, an der wir ganz nah
vorbeikamen. Sie würdigten uns keines Blickes, sondern ordneten unbeirrt in
der goldenen Abendsonne ihr etwas zerzaustes Gefieder. Einer saß oben auf
der Wegweiserfahne, der andere auf dem Mauerwerk darunter. Das wäre das Foto
des Jahres geworden, wenn, ja wenn mein Fotoapparat nicht beim Umsteigen ins
Schlauchboot von der Festmacherleine ins Wasser gerissen worden wäre.
Ich wollte den Berg hier besteigen, es sieht so leicht aus von unten. Auf
der Rückseite gäbe es eine Möglichkeit, aber keinen Weg, Pfad oder
umgeknickten Grashalm. Irgendwann gab ich auf, mein Schuhwerk war nicht
passend, das Gelände sehr steil und ich fand es nicht klug, da alleine
rumzukraxeln. Dafür fand ich aber die erste Boisenbeere meines Lebens. Du
weißt, die gelben Beeren, die aussehen wie unsere Brombeeren. Diese Pflanze
ist aber sehr niedrig, hat nur einen Stiel mit Blätterkranz und eine Beere
obendrauf. Die Skandinavier sind ganz verrückt danach. Es gibt die Früchte
manchmal auf Märkten zu kaufen; sie sind, weil selten und mühsam zu ernten,.
sehr teuer. Ich finde Himbeeren schmecken besser und man kann sie oft
pfundweise pflücken.
So genug für heute. Den ganzen Tag lang blies wieder heftiger, kalter
Nordwind aber wir haben Strom an Bord und der Heizlüfter läuft. Habt einen
schönen Urlaub und gutes Wetter an der Schlei. Ich rufe wieder an, wenn ich
eine Zelle finde oder Pappi mit dem Handy Empfang bekommt.
Liebe Grüße an alle
Mammi
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Der "Lofot"
sagen die Norweger,
sei der "Luchsfuß" |
Auf dem
Notizzettel steht:
26. Juli - Bodö - Sturm 8-10 Bft im Hafen, mieser Gastliegeplatz,
scheußliche
Nacht.
27. Juli - Volvo Penta, Stadt, Bank, Bahnhof, Touristinfo, Einkauf, Schiff
sauber,
Koje freiräumen, duschen.
28. Juli - 08.00 Uhr Ankunft Tronje-Bahnhof, Frühstück mit frischen Rejern,
immer noch Sturm, schlafen.
29. Juli - gutes Wetter, Fahrt über den berüchtigten Vestfjord, Wind gegenan,
später auch Strom,
Herrliches Panorama der Lofoten, schroffe Gipfel, Schneefelder. Um 22.00 Uhr
- nach 60 sm - erreichen wir Svolvaer, der Hauptstadt der "einsamen, grauen
Felseninseln".
Nix einsam, wir kriegen keinen Platz am Schwimmsteg.
Nix grau, die rote Abendsonne lässt alle Farben der bunten Häuser und
Fischerboote knallbunt erscheinen. An dem Bretterkai, wo wir dann mit langen
Leinen festmachen, ist um 23.00 Uhr noch nicht Tiefststand der Ebbe, aber
keine viertel Handbreit Wasser mehr unter dem Kiel.
Am nächsten Morgen geht’s gleich in die Stadt.
Nix unwirtlich, uns empfängt ein mediterranes Flair. Blumentöpfe hier und
Pflanzkübel da. Die Menschen sitzen schon vormittags leicht bekleidet vor
den Cafes und Restaurants am Hafen und schlurfen Kaffee. Auf dem Markt
buntes Treiben, es gibt Fisch, viele Blumen, Souvenirs ohne Ende und Rejer
am Kutter. Ohne die grandiose Felskulisse rundum könnte das auch Eckernförde
sein oder so was. Weil wir erst in drei Tagen eine Buchung für die
Whalewatchingtour auf den Vesteralen bekommen, haben wir Zeit, die es
sinnvoll zu nutzen gilt. Hannes möchte unbedingt in den historisch berühmten
Trollfjord. Der Weg dorthin (40 sm hin und zurück) ist mal wieder
wunderschön.
Aber erst wagte es keiner laut zu sagen: Der viel gerühmte Trollfjord, der
nördlichste Punkt unserer Reise mit der Enkelsterten, das "Highlight" eines
Seglerlebens, wie es heißt, enttäuscht uns etwas. Vielleicht waren die
Erwartungen zu hoch, nach allem, was so geschrieben wird. Viele große
Kreuzfahrtschiffe fahren dort hin. Wir fanden ihn nicht so spektakulär, wie
es behauptet wird. Richtig traurig machte es mich, dass man den Wasserfall,
der von den Schneefeldern herunterkommt, sichtbar in ein dickes Rohr
gesperrt und in einen Betonkasten geleitet hatte, aus welchem wiederum eine
dünne Stromleitung den Berg hinaufführt. Das ist bei den Energiereserven
Norwegens nicht nötig.
Ansonsten haben wir viel erlebt und gesehen:
Lofotkran, Lofotmuseum, Lofotaquarium, Lofotsuppe (super).
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Brief: Tronje an Meike
(von Bord der Enkelsterten)
Reine, 08. Aug. 2002
Liebes Schwesterherz,
erst einmal ganz, ganz herzliche Glückwünsche zu Deinem Geburtstag. Eine
Woche mit an Bord auf den Lofoten hier wäre sicherlich auch für Dich ein
Geschenk gewesen. Nun wird es bei Berichten, Fotos und Mitbringseln bleiben.
Mein Geburtstagsgeschenk an Dich wird wohl auch noch ein wenig auf die
Übergabe warten müssen. Wir werden wahrscheinlich morgen die Lofoten
verlassen müssen, haben aber sehr viel abgeklappert, an Land und Leuten
gesehen und an norwegischer Kultur genossen. Mir bleibt noch eine gute
Woche. Zur Zeit spielt das sonnige Wetter bestens mit, der Wind jedoch bläst
fast permanent, bösartig möchte man fast sagen, von vorne. Nur Gott - sei -
Dank momentan nicht zu doll.
Heute sind wir in Reine, ziemlich im Süden der Lofoten, und haben eben noch
in Knoblauch gebratene Rejer zum Abendessen verzehrt. Echt spitze.
Durch SMS und Telefonate seid Ihr ja gut unterrichtet, trotzdem kurz meine
Highlights. Die Nachtzugfahrt Trondheim-Bodoe war schon super und sehr
komfortabel. Dann eine gute Überfahrt über den Vestfjord auf die Lofoten.
Die Silhouette der Küste hier, die wechselnden Farbspiele auf der See, die
Einheit aus Respekt forderndem europäischen Nordmeer und steil abfallenden
schroffen Felswänden in teils unberührter Natur werden unvergesslich
bleiben.
Von Svolvaer, wo wir so manches maritime Problem zu lösen hatten
(Enkelsterten musste gekrant werden) fuhren wir per Mietwagen zum
Whalewatching nach Stoe auf den Vesteralen. Erst gab es auf dem sehr
stampfenden Kutter bei höherer Atlantikdünung ein Schauspiel von 10 (!)
Seeadlern über einer Vogelinsel und nach etwa 3 Stunden auf hoher See über
dem Kontinentalschelf drei Potwale zu sehen. 90% der Passagiere waren
schwerst-seekrank.
Die Tage folgten mit Köstlichkeiten aus der See und vielen sehr hübschen und
typischen Orten. Heute Nacht ist es bedeckt und daher nicht mehr ganz so
hell, wie die vorangegangenen. Das Geschrei aus der Dreizehen-Mövenkolonie
fast direkt neben der Enkelsterten wird uns dafür den Tiefschlaf nehmen.
Aber so etwas erträgt man ja gerne.
So, Meike, mehr gerne, wenn ich wieder zurück bin. Noch mal ganz liebe Grüße
und Wünsche, auch an den Rest
Dein Tronje
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Rückreise
In Reine, die Norweger behaupten, es sei landschaftlich der schönste Ort
Norwegens, müssen wir den Rückweg antreten. Bitte nur unter Segeln, die
Wasserpumpe ist kurz davor, wieder ihren Geist aufzugeben. Von Bord aus
bestellen wir bei Volvo in Bodö eine Neue. Ausnahmsweise geht das Handy. Gut
40 sm bis Bodö, Schiet, kein Wind, aber wir müssen vor Dunkelheit durch dir
Schären sein. Die Mitsommernacht liegt immerhin schon eineinhalb Monate
zurück. Nachmittags kommt kräftiger raumer Wind, der macht alles wieder gut.
Bei Sonnenuntergang, achteraus sieht man noch das dunkle Panorama der
Lofoten und zwei Seeadler, die gegen die glutrote Sonne fliegen, tauchen wir
in den Schärengürtel ein und erreichen grad noch rechtzeitig in rasantem
Zickzackkurs die erste beleuchtete Tonne. Die Wasserpumpe kommt um 11.00 Uhr
morgens mit dem Flugzeug an, wird sofort eingebaut und ab geht’s nach Süden.
Man glaubt es nicht, hatten wir bisher nur nördliche Winde (was eigentlich
normal ist) - lass man, auf dem Rückweg können wir so runterrauschen - so
bläst es ab jetzt nur noch von Süden und Südwest. |
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Ein ganz besonderes Highlight erwartet uns noch. Wir wollen mit Tronje
zusammen den Svartissen in einem anderen Fjord von Norden ansteuern. Nach
einer Traumfahrt bei Sonne durch den langen Fjord wird es am Ende wieder
kühler, man spürt die Gletschemähe und dann taucht die Gletscherzunge auf
Bizarr zerklüftetes türkisblaues Eis schiebt sich ins Tal hinunter. Welch
ein Anblick!
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Festmachen am Schwimmsteg (für die Tender der Kreuzfahrer). Es ist
Spätnachmittag, die letzten Touristen kommen mit Rucksäcken und
Wanderstiefeln vom Gletscher zurück. Es führt ein bequemer Wanderweg fast
bis dort hin. Hannes kommt wegen eines Hexenschusses nur bis zum
Gletschersee mit, wo sich schon mal ein wunderbarer Ausblick bietet. Tronje
und ich müssen natürlich weiter durch Endmoränenlandschaft, um den See
herum, bis der Weg auf glattgeschliffenen Felsen endet. Tronje will
natürlich bis ans Eis, obgleich es im Sommer gefährlich ist. Alle 20 bis 30
Minuten bricht ein tonnenschwerer Eisbrocken ab und donnert zu Tal oder in
eine Felsspalte. Er meint, wenn er erschlagen wird, dann soll das so sein.
Der reißende Bach, der aus dem Gletscher kommt, ist für ihn kein Hindernis,
mir versperrt er wieder den Weg, ich käme nicht trocken rüber. Alles ist
wieder viel, viel größer, höher, steiler, als es von unten aussah. Tronjes
T-Shirt ist bald nur noch ein winziger blauer Punkt, der dann für eine halbe
Stunde in der Eiswand verschwindet. Etwas mulmig ist mir schon (Mütter!).
Ich freue mich inzwischen an den wunderbar marmorierten, runden,
geschliffenen Steinflächen am Fuß des Gletschertales. Der blaue Punkt taucht
wieder auf und ist schnell unten bei mir. Wie herrlich, dass wir das hier so
allein genießen können. Tronje nimmt noch ein ausführliches Bad im
Gletscherbach, im wahrsten Sinne des Wortes eiskaltes Wasser. Er bietet alle
Überredungskünste auf, mich auch hineinzulocken. Vergebens, kein Handtuch,
die Klamotten gehen so schwer anzuziehen, wenn man nass ist und Pappi
wartet. Er rechnet nicht damit, dass wir so lange bleiben und macht sich
Gedanken. Die Sonne ist untergegangen, noch ein Blick über Eis und Fjord -
unbeschreiblich schön.
Wieder unten auf dem Weg soll Tronje vorlaufen, er ist ja viel schneller als
ich. Nachdem ich dreiviertel des Weges zurückgelegt habe, kommt er mir schon
wieder entgegen, mit einer Tüte und Taschenlampe. Er hat so schöne
Birkenpilze gesehen, ist Spezialist auf diesem Gebiet.
Hannes kann ich, wieder an Bord, überreden, noch einen Eimer Miesmuscheln
mit mir zu sammeln. Durch die Ebbe sind sie ganz bequem von den Steinen zu
pflücken. Dann kommt auch die große Tüte voller Pilze mit Tronje zurück.
Bald duftet es an Bord nach gebratenen Pilzen und es gibt ein üppiges Mahl.
Nachdem alles schön aufgeräumt ist, kommen drei dicke Gläser auf Tisch.
Tronje hat einen großen Brocken Eis aus dem Gletscher mitgebracht. Er füllt
Eisstücke in die Gläser. Hannes hat extra Whisky aufbewahrt und gießt ihn
behutsam über das zigtausend Jahre alte Eis. Es knackt und knistert leise.
Wir zelebrieren diesen Trunk ganz feierlich, schweigen - genießen -
köstlich. Hannes spricht es als erster aus. Keiner von uns hat zuvor jemals
einen so guten, vollmundigen, weichen Whisky getrunken. Man spürt ihn noch
nach Stunden auf der Zunge. Einbildung? - Oder die Mystik des
zigtausendjährigen Eises?
Der Urlaub unseres guten Bootsmannes ist nach 18 Tagen beendet und damit
auch meine Schonzeit. Ein Problem ist es, trotz guter Infrastruktur, morgens
um 5.00 Uhr an einem Bahnhof für den Zug nach Oslo im Inland zu sein. Bald
schippern wir beiden Alten wieder allein die Küsten entlang nach Süden.
Küsten mit aufgefalteten Gesteinen, hoch gedrückten Sedimentschichten,
magmatischem Gestein, gelben, roten, schwarzweißen oder marmorierten
Gesteinen, das alles gehobelt, geschürft und geschliffen, kurz, überarbeitet
und geprägt von mehreren Eiszeiten über Jahrmillionen. Angesichts dieses
offenen Buches der Erdgeschichte wird einem überdeutlich, dass das eigene
Leben weniger ist, als der Funke einer Wunderkerze.
Resümee
"Es muss nicht immer Lofoten sein".
Zugegeben, die Inseln sind sehr, sehr schön aber auch touristisch stark
erschlossen. Während Nordwestnorwegen mindestens ebenso, wenn nicht schöner
ist, - einsamer und unberührter auf jeden Fall. In Norwegen braucht man kein
Ziel. Hier ist der Weg wirklich das Ziel und zwar der Hinweg ebenso wie der
Neben- und der Rückweg. Norwegen mit seinen zerfetzten Küsten, seinen
extravaganten Faltenwürfen in Fels, der allgegenwärtigen wilden Natur, der
Harmonie aus Urgestein und Meer ist - atemberaubend!
Es macht süchtig. |
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